Sammlung Serke

Die Sammlung des 1938 in Landsberg an der Warthe geborenen Journalisten Jürgen Serke wurde von der Else Lasker Schüler Stiftung erworben und als Dauerleihgabe im Zentrum für verfolgte Künstler im Solinger Kunst- "Museum Baden" am 30.3.2008 zur Verfügung gestellt

Die "Sammlung Serke" beinhaltet Fundstücke einer Literatur, die im 20. Jahrhundert unter die Räder von zwei totalitären Regimen geraten ist. Es war die Literatur derjenigen, die Widerstand geleistet haben gegen Nationalsozialismus und Kommunismus.

Diese Literatur war noch Ende der sechziger und in den siebziger Jahren – von Ausnahmen abgesehen – nicht in deutschen Buchhandlungen vertreten. Jürgen Serke hat sie weltweit in Antiquariaten suchen müssen. In all jenen Ländern, wohin es die AutorInnen auf ihrer Flucht ins Exil getrieben hatte und wohin ihnen der Journalist Serke gefolgt ist.

Die verbrannten Dichter

Aus einer erst sehr privaten Faszination wurde eine berufliche Obsession – in Serkes tagesjournalistischer Arbeit und in seinen Büchern. Mehr noch: die DichterInnen des Widerstands und ihre Werke wurden zu einem Teil seines Lebens. Die zuerst für die Zeitschrift „Stern“ geschriebenen und – nach Beendigung der Serie - um private Recherchen erweiterten Biografien veröffentlichte der Verlag Beltz und Gelberg zur Buchmesse 1977 als Bildband unter dem Titel „Die verbrannten Dichter“. 

serke-keun.jpgSerkes Buch löste in der Bundesrepublik Deutschland die Wiederentdeckung jener Dichter aus, um die sich die ELS-Gesellschaft bemüht, Dichter und Dichterinnen wie Ernst Toller, Armin T. Wegner, Irmgard Keun und Else Lasker-Schüler. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert sind die Verbrannten Dichter ununterbrochen auf dem Markt und haben mehrere Generationen begleitet. Der Jubiläumsausgabe 2002 liegt eine CD bei, Mitschnitt einer Veranstaltung des VIII. ELS-Forums, mit Rezitationen von Angela Winkler, Otto Sander und Christian Quadflieg zugunsten der Stiftung „Verbrannte und verbannte Dichter/ Künstler“.

Bild: Jürgen Serke mit Schriftstellerin Irmgard Keun 

Böhmische  Dörfer

Serkes Buch „Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft“, das den Lebens- und Werk-spuren von 47 deutschsprachigen Dichtern aus der Tschechoslowakei nachging, war der Versuch, nach der Verfolgung dieser AutorInnen durch die Nationalsozialisten und den Untergang des Deutschen nach 1945 in der Tschechoslowakei das Vergessen und Verdrängen aufzuheben. 

Der deutsche Publizist Serke hat damit den Tschechen ein Stück nationales Kulturerbe gerettet, das auch europäisches Kulturgut ist. Seine „Böhmischen Dörfer“ wurden in der Tschechischen Republik 2002 zum „Buch des Jahres“ gewählt.

Das Lebensthema des Journalisten Serke ist das Exil und seine Literatur. Die politischen wie ideologischen Hintergründe des Exils sind weitestgehend erforscht, die ästhetischen Fragen beantwortet. Darüber, wie die Exilanten ihr Exil erlebt haben, weiß man hingegen recht wenig.

 „Die Lust des Lebens, die Lust am Leben ist eine Konstante, die selbst in schlimmsten Situationen nicht verloren geht. Es klingt fast zynisch: Aber in der Zeit größter Gefahr und Bedrängnis wird dieses Gefühl am intensivsten erfahren. Die Literatur, die daraus erwuchs, erreicht nicht selten ästhetische Vollendung. Und sie ist selbst dort groß, wo sie scheitert im Nachvollzug jener Brüche des Lebens, die die Folgen einer ethisch oder politisch richtigen Entscheidung sind“ (Hajo Jahn)

Materialien aus der Serke-Sammlung und seinen Büchern wurden zur Grundlage für die Ausstellung„Liebes- und Musengeschichten. Das fragile Glück im Unglück von Verfolgung und Exil“, die anlässlich desX. Else Lasker-Schüler-Forums im November 2002 erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In 14 Lebensschicksalen erschliessen sich Paargeschichten von verfolgten Dichtern und Dichterinnen anhand von Erstausgaben, Widmungsexemplaren, Briefen, persönlichen Dokumenten, Fotos und Manuskripten.

Ausstellung "Liebes- und Musengeschichten"

Literaturhinweise

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Jürgen Serke: "Die verbrannten Dichter", Beltz Verlag, Weinheim, Basel, Berlin 2002

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ders.: "Die Böhmischen Dörfer", Paul Zsolnay Verlag, Wien, Hamburg 1987

ders.: "Böhmische Dörfer - Putování opuštenou literární krajinou" Triáda Publishing, s.r.o., Prag 2001

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ders.: "Zu Hause im Exil - Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR" Piper Verlag GmbH, München 1998